Wir leben in einer Zivilisation, die immer zerbrechlicher erscheint. Die Errungenschaften, die wir jahrhundertelang als selbstverständlich angesehen haben – Frieden, Recht, das Zusammenleben in Vielfalt, das Vertrauen in die Institutionen, der Wert des Wissens – scheinen heute einem ständigen Druck ausgesetzt zu sein. Einerseits gestalten wir die Welt weiter; andererseits sehen wir uns mit der Gefahr konfrontiert, dass sie in neue und beunruhigende Formen sozialer Brutalität abgleiten könnte.
Aus dieser Spannung heraus entsteht der Titel der neuen Spielzeit des LAC: In/civiltà.
Ein Titel, der zwei Bedeutungen enthält. In der Zivilisation zu sein, den gemeinsamen Raum zu bewohnen, den die Menschen durch Gesetze, Kultur, Denken und Kunst geschaffen haben. Aber auch das Gegenteil davon hinterfragen: die Unzivilisiertheit, die wieder auftauchen kann, wenn Angst, Gewalt, Gleichgültigkeit oder der Wunsch nach Unterwerfung an die Stelle von Dialog und Verantwortung treten. Die Welt, in der wir heute leider leben. Und doch dürfen wir nicht aufgeben, wir müssen Stellung beziehen.
Jede Theatersaison ist im Grunde genommen ein Stellung beziehen. Wer sie konzipiert und gestaltet, trifft eine Entscheidung: Er entscheidet, welche Fragen gestellt, welche Stimmen gehört und welche Widersprüche gemeinsam mit den Künstlern und Zuschauern durchdacht werden sollen. In einer Zeit, die dazu neigt, jede Diskussion zu vereinfachen, darf sich die Aufgabe eines öffentlichen Theaters nicht auf Unterhaltung beschränken. Es muss den Mut haben, die Komplexität zu bewahren, Zweifel zu nähren und Gelegenheiten zur Auseinandersetzung und zum Nachdenken zu schaffen.
Deshalb haben wir uns entschieden, die Spielzeit mit einer Neuproduktion der Orestie von Aischylos, dem größten griechischen Tragödiendichter, zu eröffnen. Nicht nur, weil es eines der grundlegenden Meisterwerke des westlichen Theaters ist, sondern weil darin einer der entscheidenden Wendepunkte der Menschheitsgeschichte erzählt wird: der Moment, in dem die endlose Spirale der Gewalt als Vergeltung durchbrochen und dem Urteil einer Gemeinschaft anvertraut wird.
Im letzten Teil der Trilogie entsteht das erste Gericht der Menschen. Anstelle der Gewalt setzt sich das Gesetz durch; anstelle der privaten Rache tritt die kollektive Verantwortung. Es ist ein Akt politischer und moralischer Vorstellungskraft, der uns auch nach fünfundzwanzig Jahrhunderten noch mit überraschender Dringlichkeit anspricht.
Auch dafür wurde das Theater geschaffen. Um der Stadt einen Ort zu bieten, an dem sie sich selbst betrachten, ihre Konflikte diskutieren, ihre Gewissheiten hinterfragen und über die Werte nachdenken kann, die das Zusammenleben ermöglichen. Die Alten wussten das sehr gut: Die Bühne war ein öffentlicher Raum, in dem die Gemeinschaft zusammenkam, um über sich selbst nachzudenken.
Heute spüre ich zutiefst das Bedürfnis, zu dieser ursprünglichen Funktion zurückzukehren. Nicht um einfache Antworten zu suchen, sondern um wesentliche Fragen zu teilen. Was bedeutet es, zusammenzuleben? Welche Vorstellung von Gerechtigkeit wollen wir verteidigen? Welche Beziehung wollen wir zur Macht, zur Erinnerung, zu dem Anderen aufbauen? Welchen Platz haben Weisheit und Mitgefühl in einer Zeit, die die Schnelligkeit des Urteils und die Verschärfung des Konflikts zu belohnen scheint?
Die Aufführungen dieser Spielzeit beleuchten diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven, laufen aber alle auf denselben Horizont hinaus: die Suche nach dem, was eine Gesellschaft menschlich macht. Denn Zivilisation ist kein ein für alle Mal garantierter Zustand. Sie ist ein fragiles Konstrukt, das jede Generation erneuern muss.
Doch diese Verantwortung liegt nicht nur bei den Künstlern oder den Theaterprogrammgestaltern. Sie liegt auch beim Publikum. Jedes Mal, wenn sich jemand entscheidet, den Saal zu betreten, vollzieht er eine Geste, die über den bloßen Kulturkonsum hinausgeht. Er entscheidet sich, Zeit und Aufmerksamkeit etwas zu widmen, das keine sofortigen Antworten bietet. Er entscheidet sich, Geschichten zu hören, die sich von seiner eigenen unterscheiden. Er entscheidet sich, sich mit der Komplexität der Realität auseinanderzusetzen, anstatt sich in Vereinfachungen zu flüchten. Er entscheidet sich dafür, zu wissen, anstatt in Gleichgültigkeit zu verharren.
Ins Theater zu gehen bedeutet auch heute noch, einen menschlichen Pakt einzugehen. Es bedeutet anzuerkennen, dass es Fragen gibt, denen wir uns nicht alleine stellen können, und dass Gemeinschaft auch durch das gemeinsame Üben des Denkens, der Vorstellungskraft und des Zuhörens entsteht.
In einer Zeit, die zwischen Zivilisation und Unzivilisation schwebt, wünschen wir uns, dass das LAC ein Ort ist, an dem dieser Pakt erneuert werden kann. Ein Ort, an dem sich Künstler und Zuschauer nicht nur treffen, um eine Vorstellung zu sehen, sondern um gemeinsam die Gegenwart zu hinterfragen. Denn das Theater verändert die Welt nicht allein. Aber es kann uns helfen zu verstehen, welche Welt wir aufbauen und welche wir hingegen zu verlieren drohen.
Vielleicht ist genau das seine älteste und notwendigste Verantwortung. Und vielleicht ist es auch unsere.