Carmelo Rifici interpretiert die Orestie von Aischylos neu und gibt ihr ihren ursprünglichen Charakter als Gründungstrauma zurück: keine antike Erzählung, sondern die Schwelle, an der die Menschheit entdeckt, dass Gewalt nicht beseitigt, sondern organisiert wird. Eine Untersuchung der Fragilität unserer Vorstellung von Gerechtigkeit und dessen, was wir beim Übergang von der archaischen Welt zum Logos verloren haben.
Die neue LAC-Produktion von Carmelo Rifici feiert ihre Uraufführung. Rifici wählt als Ausgangspunkt für seine Untersuchung der Ursprünge der westlichen Demokratie die einzige Trilogie der griechischen Antike, die uns vollständig überliefert ist: Orestie von Aischylos, bestehend aus den Tragödien Agamemnon, Die Choephoren und Die Eumeniden.
Im Mittelpunkt des Werks steht die Hypothese, dass die Demokratie nicht aus einem Wunsch nach Frieden entsteht, sondern aus der Notwendigkeit, die unvermeidbare Gewalt zu regulieren; die Polis, der Stadtstaat, ist nicht die Alternative zur Barbarei des Krieges und der Rache, sondern deren beste Transformation. Dieser Gedanke, der bereits bei Aischylos so klar zum Ausdruck kommt, wirft ein melancholisches Licht auf unser eigenes Demokratieverständnis. Auf der Bühne stehen sich zwei Welten gegenüber: die archaischen Kräfte, das alte polytheistische Wissen, das die Opfererinnerung verkörpert, und die Abstraktion des logos unter der Ägide eines einzigen Gottes, der versucht, das Konzept der Rache einzudämmen – mehr als es zu überwinden. Das Gericht in Athen, das Orest dank der rhetorischen und bezaubernden Strategien der Athene, die aus dem Gehirn des Zeus geboren wurde, vom Vorwurf des Muttermordes freispricht, zeigt, wie der moderne Mensch im Lichte der Zeitgeschichte das Ergebnis eines fragilen und gefährlichen Kompromisses ist, der stets von den Ereignissen bedroht wird, und nicht die Frucht menschlicher Weisheit.