Nach Partiturazero setzt die italienisch-schweizerische interdisziplinäre Künstlerin Elena Boillat ihre Forschung zur Stimme als porösem Material fort und präsentiert eine neue Performance, die den Ruf als Praxis des Erwachens und des kollektiven Zuhörens untersucht. Im Mittelpunkt von Oracola steht das Potenzial der Stimme, Menschen zusammenzubringen, Beziehungen zu schaffen und temporäre Formen der Gemeinschaft zu generieren.
Das Projekt entstand aus einer Forschungsarbeit im Kosovo in Zusammenarbeit mit dem Sekhmet Institute in Pristina, einer Organisation, die sich für die Verteidigung der Menschenrechte und der Anliegen der LGBTQ+-Gemeinschaft einsetzt. Durch Begegnungen in sozialen und religiösen Kontexten hat die Künstlerin die Stimme als Raum der Beziehung erforscht und dabei ihre Verbindungen zu Fürsorge, Nahrung, Geschlecht und Resonanz hinterfragt. Im Mittelpunkt der Forschung stehen der Adhan – der islamische Gebetsruf, der traditionell der männlichen Figur des Muezzins anvertraut ist – und die Moschee, verstanden als Klangraum und Ort der Versammlung.
Ausgehend von diesen Elementen entwickelt Boillat ein immersives Dispositiv der akustischen Transformation, das die liturgische Funktion des Adhan neu konfiguriert: Der Ruf verliert seine vertikale und präskriptive Ausrichtung, um sich in einer zirkulären, vibrierenden und wandelbaren Dimension zu entfalten.
Unter Wahrung der ursprünglichen Struktur, von der es inspiriert ist, präsentiert sich Oracola als ein fragiler, pluralistischer und durchlässiger Körper, in dem Stimme und Zuhören jenseits binärer und normativer Logiken neu gedacht werden, in einem essentiellen zeitgenössischen Ritus, der nicht ein Anderswo, sondern eine gemeinsame Gegenwart feiert.