Can Can entstand aus der Begegnung zwischen dem Autor Giovanni Ortoleva und der Performerin Irene Mantova, bei der im Jahr 2023, im Alter von 25 Jahren, Epilepsie diagnostiziert wurde, nachdem ihr Leben zuvor von unerklärlichen „Anfällen“ geprägt war. Das Werk verwebt Irenes Geschichte mit der von Jane Avril, der berühmten Can-Can-Tänzerin, die von Toulouse-Lautrec verewigt wurde und ihre Epilepsie in ein Ausdrucksmittel verwandelte, indem sie sie in ihrem Tanz parodierte.
Ausgehend von den Biografien der beiden Künstlerinnen und unter Bezugnahme auf den großen Einfluss, den die Epilepsie Ende des 19. Jahrhunderts auf Schauspielerinnen wie Sarah Bernhardt hatte, die deren Posen in ihrem Schauspiel nachahmte, spielt Can Can mit dem performativen Aspekt epileptischer Anfälle und verwandelt diese in Choreografien, die mit unterschiedlichem Grad an Realismus und Identifikation behandelt werden können. Das Projekt bringt Bewegung und Dokumentation zusammen und greift dabei auf heterogenes Material zurück, wie beispielsweise die von Charcot aufgenommenen Fotografien der Patientinnen des Pariser Salpêtrière-Krankenhauses sowie YouTube-Kanäle von Menschen, die von ihren Anfällen berichten, und hinterfragt dabei das Wesen dieser Darstellungen des „heiligen Übels“. Irene Mantova interpretiert Epilepsie – ihre eigene und die anderer Menschen – zwischen Tanz und Parodie, Pathos und Ironie: eine spielerische Meditation über Leiden und Interpretation.