David Weiss
Der Traum von Casa Aprile
Carona 1968-1978
28.09.2025 – 01.02.2026
Kuratiert von
Tobia Bezzola und Virginia Marano
In Zusammenarbeit mit
The Estate of David Weiss
Einführung
Bereits im frühen 20. Jahrhundert entwickelt sich Carona zu einem Treffpunkt und Zufluchtsort für Kunst- und Literaturschaffende. Viele von ihnen stammen aus Deutschland oder der deutschen Schweiz, und gemeinsam ist ihnen oft ein ausgeprägtes politisches Engagement. Das kleine Dorf zwischen dem Lago di Lugano und dem Monte San Salvatore wird zu einer Werkstatt für Ideen und Visionen, einem Ort, an dem Alltag und Fantasie, Naturerlebnis und künstlerische Experimentierfreude aufeinandertreffen.
Von Persönlichkeiten wie Lisa Tetzner und Kurt Kläber (auch bekannt unter seinem Pseudonym Kurt Held), Lisa und Theo Wenger mit ihrer Tochter Ruth und deren Ehemann Hermann Hesse bis hin zu Meret Oppenheim und ihren vielen illustren Gästen aus der Welt der internationalen Avantgarde: Sie alle tragen dazu bei, dass das beschauliche Tessiner Dorf zu einem fruchtbaren Ort des Denkens, des Gesprächs und des kreativen Schaffens wird.
In diesem Spannungsfeld nimmt das Abenteuer der Casa Aprile Gestalt an: Zunächst ist sie ein Wohnsitz für Künstler:innen, Musiker:innen und Literaturschaffende, die auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen und neuen Formen des Zusammenlebens sind – keine organisierte Gemeinschaft, sondern ein informelles Kollektiv, in dem man gemeinsam lebt, arbeitet und Ideen austauscht.
Der bedeutendste Protagonist der Geschichte der Casa Aprile in den 1970-er Jahren ist David Weiss (1946–2012). In der Casa Aprile unternimmt er die ersten Schritte auf seinem künstlerischen Werdegang. Dieser führt ihn später mit Peter Fischli zusammen zur Gründung des Künstlerduos Fischli/Weiss. In Carona zeichnet, schreibt, erkundet und beobachtet er. In seinem Umfeld finden sich Freund:innen und Gleichgesinnte wie Esther Altorfer, Anton Bruhin, Maria Gregor, Urs Lüthi, Penelope Margaret Mackworth-Praed, Iwan Schumacher, Peter Schweri und Willy Spiller.
Die Ausstellung verleiht diesem Mikrokosmos ein Gesicht und verknüpft ihn mit anderen kulturhistorisch bedeutsamen Häusern Caronas wie der Casa Costanza und der Casa Pantrovà. Zusammen mit der Casa Aprile vereinen sie künstlerische Erfahrungen und persönliche Bindungen. Die Casa Aprile, renoviert von Christoph Wenger, dem Neffen von Meret Oppenheim, wird ab den späten 1960-er Jahren zum Zentrum dieses Möglichkeitsraums. Ein Haus, in dem gemeinsam gelebt wird und in dem die Wände eher verbinden als trennen.
Anhand von Werken, Archivmaterialien sowie Bild- und Tonaufnahmen, von denen viele zum ersten Mal gezeigt werden, zeichnet die Ausstellung die Zeit von 1968 bis 1978 nach: ein faszinierendes Jahrzehnt der Freiheit und des Dialogs, in der sich die Kunst von Freundschaft und Austausch nährt.
Der Traum von Casa Aprile ist eine Hommage an das Dorf Carona und dessen Potenzial, ein Zuhause zu sein – nicht im Sinne eines statischen Heims, sondern als Ort des Übergangs und der Veränderung. Hier kommt man an, schafft etwas und bricht wieder auf. Doch immer bleibt etwas zurück.
Kreative Wurzeln
Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zieht Carona Persönlichkeiten aus der Welt der Kunst und der Literatur an. Hier verkehren Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Hans Richter und Ignazio Silone oder auch das Schriftstellerpaar Lisa Tetzner und Kurt Kläber, die in den 1930er-Jahren in Carona ihr Zuhause finden. 1954 bauen sie ihr eigenes Haus, Casa Pantrovà, und machen es zu einem internationalen Zentrum für im Exil lebende Intellektuelle.
Im Jahr 1917 erwirbt der Messerfabrikant Theo Wenger aus Delsberg ein Sommerhaus, die Casa Costanza, und zieht mit seiner Frau, der Malerin und Kinderbuch-Autorin (Joggeli söll ga Birli schüttle!, 1908) Lisa Wenger-Ruutz und seiner Familie in das Tessiner Dorf. Ihre Tochter Ruth heiratet Hermann Hesse, der in der Landschaft um Carona Besinnung und Erholung findet, die er in Texten und Aquarellen festhält. Bis heute vermitteln seine Beschreibungen der Spaziergänge zur Kirche der Madonna d’Ongero ein Gefühl der Einkehr und des Einsseins mit der Stille.
In den 1960er- und 1970er-Jahren beherbergt die Künstlerin Meret Oppenheim, die Enkelin von Lisa Wenger, in der Casa Costanza oft Freund:innen und Bekannte aus der internationalen Kunstwelt, darunter Leonor Fini, Max Ernst und Daniel Spoerri. 1967 beschreibt sie in einem Brief an ihren Bruder Burkhard Wenger das Dorf als einen kreativen und gefühlsgeladenen Ort ihrer Kindheit, in der Schwebe zwischen Erinnerung und Wandel, «ein verlorenes Paradies», an das sie «strahlende Erinnerungen» bewahrt.
«[…] Das geschah sicherlich auch, um ein wenig von jenem «verlorenen Paradies» wiederzufinden, das Haus, wie ich es in Erinnerung behalten hatte. Im Gegensatz zur Schule hatte ich strahlende Erinnerungen daran. Ich glaubte sogar, dass dort immer herrliches Wetter herrschte. Dass es immer August war! […] Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch: dass ein wohlwollender Geist über dieses Haus herrsche, dass Friede und Harmonie auch jene leiten werden, die nach uns kommen.»
Brief von Meret Oppenheim an ihren Bruder Burkhard Wenger, 11.3.1967
Lange bevor es von der Generation von David Weiss entdeckt wird, ist Carona offen für neue Gedanken und neue Lebensformen, in denen sich Alltagsleben und künstlerisches Schaffen, Natur und Kunst vielfach verflechten.
Zürich–Carona. Die Distanz zeichnen
David Weiss wird im Zürcher Quartier Albisrieden als Sohn eines Pfarrers geboren. In der Stadt macht er seine ersten Entdeckungen. Die Kunstgewerbeschule bietet ihm neue Impulse, etwa durch den Austausch mit späteren Weggefährten wie Urs Lüthi.
In jenen Jahren mag die Stadt an der Limmat zwar voll kreativer Spannung sein, das Alltagsleben ist jedoch eher grau und von Regeln und Zwängen gehemmt. Dies weckt bei Weiss das Bedürfnis nach Veränderung. Zwar kehrt er 1968 nach seinem Studium in Basel und langen Auslandsreisen nach Zürich zurück. Er verbringt aber fortan viel Zeit in Carona, wo der Rhythmus langsamer ist und die Abgeschiedenheit auch Freiheit verschafft. Der Raum öffnet sich, und vor allem das Zeichnen wird für ihn zu einer Art Tagebuch, zu einer introspektiven Übung. Sein visuelles Vokabular nimmt Gestalt an.
Zürich verschwindet dabei nicht, sondern wird zum Echoraum: In den Werken Weiss’ und seiner Freunde Anton Bruhin, Peter Schweri, Iwan Schumacher und Willy Spiller, die oft für längere Perioden in Carona zu Besuch weilen, tauchen Fragmente des Urbanen wie Licht und Geräusche auf, die in der Stille des Dorfes neu aufgegriffen und verwandelt werden.
Zu zeichnen bedeutet für diese Künstler vor allem, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, Erfahrungen in Erinnerung zu verwandeln und dieser Gestalt zu verleihen. Es bedeutet auch, die künstlerische Praxis im Sinne einer Reise neu zu definieren. Dabei bleibt die Zeichnung lebendige Spur und verbindet verschiedenen Orte, Zeiten und Stimmungen.
Der Traum von Casa Aprile
Die Geschichte Caronas ist die Geschichte einer steten Neuerfindung. In diesem Dorf ist Zugehörigkeit nicht mit Besitz verbunden, sondern mit der Fähigkeit, die Umgebung durch eigenes Handeln zu gestalten. Ein Haus ist nie eine starre Struktur, sondern ein sich entwickelndes Wesen, geprägt von seinen Bewohnerinnen und Bewohnern, ihren Gesprächen und den durch sie hinterlassenen Spuren. In den alltäglichen Beziehungen und ihren Rekonstruktionen entsteht eine kollektive Erinnerung.
Die Casa Aprile ist der fruchtbare Knotenpunkt des kreativen Netzwerks, das Carona in den 1960er- und 1970er-Jahren belebt. Ende der 1960er-Jahre erwirbt Meret Oppenheim das Nachbarhaus ihrer Casa Costanza. Die Renovierung vertraut sie ihrem Neffen Christoph Wenger an. Das Haus bietet Freund:innen und Bekannten Aufnahme und lädt ein zum Austausch und zum gemeinsamen Experiment. Einer der ersten Gäste ist David Weiss. Als Gegenleistung für seine Unterkunft beteiligt er sich an den Renovierungsarbeiten. Im Kamin bleibt bis heute das von ihm geschaffene Medaillon mit dem Reptil als Spur der Erinnerung.
Zwischen 1968 und 1978 hält sich David Weiss regelmässig für längere Zeit in Carona auf. Um ihn herum scharen sich Gleichgesinnte: Anton Bruhin nimmt die Geräusche des Dorfes auf Tonband auf, Willy Spiller hält die Atmosphäre auf Fotografien fest, Peter Schweri fängt die sich verändernden Farben ein, Iwan Schumacher verwandelt den Weg zur Madonna d’Ongero in visuelle Sequenzen, Esther Altorfer setzt in ihrer Arbeit Licht als lebendige Materie ein.
Die Werke und Dokumente der Ausstellung zeigen die Konturen dieser geteilten Erfahrung. Die Beziehung zwischen Zuhause-Sein und dem Reisen ist nie stabil, sondern ein ständiges Verschmelzen des Orts, den man bewohnt, mit dem, den man durchquert. Werk und Person von David Weiss verkörpern die Suche nach einer Existenzform, die Kunst und Leben vereinen, heimisch werden und weiterreisen miteinander verknüpfen will.
David Weiss. Zeichnung und Verwandlung
Für David Weiss ist Zeichnen nicht nur ein Ausdrucksmittel, sondern eine tägliche Übung, ein Instrument des Denkens und der Verwandlung. Zeichen auf dem Papier festzuhalten wird zu einer Möglichkeit, die Welt und sich selbst zu erkunden, sich von einem inneren Rhythmus leiten zu lassen, ohne einem vorgegebenen Plan zu folgen. Diese Methode lässt Unvorhergesehenes zu und wird zu einer Bewusstseinsübung, in der auch Fehler zu Möglichkeiten werden können.
Zwischen 1975 und 1979 entwickelt sich die Serie Wandlungen: über achtzig Folgen gezeichneter Metamorphosen, die in Marrakesch, Carona und Zürich entstehen. Jede Seite beginnt mit einem einfachen Zeichen – einer Linie, einem Kubus –, das sich in eine Schachtel, ein Tier, einen Körper oder eine Landschaft verwandelt. Es gibt keine Handlung, nur ein kontinuierliches Gleiten: Jede Figur fliesst in eine nächste über, wobei der Ablauf keiner narrativen, sondern einer visuellen Logik folgt. Diese besteht aus kleinsten Verschiebungen, unerwarteten Bewegungen und Spannungen zwischen den Formen.
Gerade dieser ununterbrochene Fluss von Bildern, in dem jedes Element aufgrund von Assoziationen und Verwandlungen das nächste hervorbringt, erinnert an die Erzählstruktur von Lisa Wenger-Ruutz’ Kindergeschichte Joggeli söll ga Birli schüttle! (1908), wo jeder Schritt einen unerwarteten weiteren nach sich zieht. Die Zeichnungen von David Weiss entwickeln sich nach einer ähnlichen Dynamik. Wie Iwan Schumacher schreibt:
«Ohne im Voraus zu wissen, was er zeichnen will, beginnt er jeweils am linken oberen Blattrand, zum Beispiel mit einem Kringel, einem Pfeil oder einem Kubus. Aus diesem Kubus wird eine Zündholzschachtel, eine Zündholzschachtel mit dem Abbild eines Löwen drauf, in der Schachtel ein kleines Reh, dieses wandelt sich in einen Knochen, der Knochen in ein Männchen, dieses stemmt sich mit aller Kraft gegen die Seitenwände, bis die Schachtel auseinanderbricht. Das Männchen erschrickt, blickt bäuchlings über den Rand der neu gewonnenen Unterlage in die Tiefe. Das Blatt endet mit einer Kornähre, jedes Korn hat ein Gesicht mit einer langen Nase, so geht das weiter über mehrere Seiten hinweg, bis eine neue Serie beginnt.»
Iwan Schumacher, Chur 2014
Für Weiss ist Zeichnen eine Poetik des Werdens. Es ist eine freihändig ausgeübte Praxis, die offen ist für das Unerwartete und fähig, Zerbrechlichkeit und Leichtigkeit zu integrieren. Auf diese Weise nimmt die Welt immer wieder neue Gestalt an. Alles ist ungewiss und von Ironie oder einer stillen Spannung geprägt.
Zeichnen, Publizieren und Gemeinschaftliches Leben
In Carona zeigen sich Zeichnen und unabhängiges Publizieren als Mittel, Nähe zu schaffen. Sie dienen dazu, Dialoge zu führen, alternative Wege zu suchen und sich dem Konformismus zu widersetzen. Für Matthyas Jenny, den Gründer des Verlags Nachtmaschine, ist das Buch wie eine Geste, ein poetischer und politischer Akt.
1976 druckt er in Carona die ersten Ausgaben der Literaturzeitschrift Nachtmaschine. Das Verlagsprojekt findet in der Schweizer Literaturwelt viel Aufmerksamkeit. Jennys Poetik wurzelt in der amerikanischen Beat-Literatur, und er steht in Verbindung mit den radikalsten internationalen zeitgenössischen Autor:innen.
«Was willst du mit der Druckmaschine drucken?», fragten sie ihn.
«Ich drucke eine Zeitschrift oder eine Zeitung mit Texten, die ich gut finde, ich will Bücher drucken, die ich gut finde.»
«Mit dieser Maschine?», fragte Dave (David Weiss).
«Ja, genau, mit dieser Maschine», sagte er leichthin.
«Und wann willst du mit dieser Maschine drucken?» fragte Maria (Maria Gregor) mit Blick auf die Kinder.
«Wenn sie schlafen», sagte er, «nachts, jede Nacht», sagte er lachend, «es ist eine Nachtmaschine!»
Zoë und Caspar Jenny, Die Nachtmaschine, 2024
Eine ähnliche Energie durchzieht auch die Arbeit von David Weiss, für den Zeichnungen nicht für Galerien und Museen gemacht werden, sondern auch in Notizbüchern, Heftchen und selbstproduzierten Comics ihren Platz haben. Zwischen 1973 und 1979 schafft Weiss eine Reihe von Zeichnungsbüchern – darunter I Wish That I Sailed the Darkened Seas, Frauen, das sogenannte Regenbüchlein und Im Bad –, welche Zeichenkunst, fragmentarische Erzählungen und surrealen Humor kombinieren und den Geist seiner späteren Zusammenarbeit mit Peter Fischli vorwegnehmen.
Diese Bücher, die heute in der Serie Nine Books 1973–1979 zusammengefasst sind, waren nicht als Skizzen gedacht, sondern wurden als eigenständige Werke konzipiert – als ein visuelles Archiv seines kreativen Universums. Das Zeichnen in der Form von Buchprojekten wird für Weiss zu einer intimen, mäandernden täglichen Praxis, die Formen, Geschichten und Assoziationen jenseits aller Klischees hervorzubringen vermag. In Carona findet dieser Ansatz einen fruchtbaren Boden: eine Gemeinschaft, in der Zeichnen, Publizieren, Fotografieren und Erzählen keine isolierten Tätigkeiten sind, sondern Gesten eines gemeinschaftlichen poetischen Lebens.