Die junge Alice Sinigaglia führt Regie bei Madri, einem Stück des ebenso jungen Autors Diego Pleuteri, der zu den interessantesten Vertretern der neuen Dramatik zählt: ein intimes Stück, ein intensiver Dialog zwischen Mutter und Sohn, der die Zerbrechlichkeit familiärer Bindungen, die Last des Schweigens und die Unmöglichkeit, Gefühle in Worte zu fassen, thematisiert.
Ein junger Mann besucht seine Mutter an einem regnerischen Nachmittag. Als er das Haus betritt, findet er das Wohnzimmer voller Kisten vor, die auf dem Tisch, auf dem Boden und auf den Stühlen verstreut sind. Inmitten dieses Chaos bewegt sich die Frau ununterbrochen und redet ununterbrochen. Sie sucht nach einem alten Zeitungsartikel, den sie vor langer Zeit gelesen und dann aufbewahrt hat, in dem Versuch, sich an die letzten Worte eines Zitats zu erinnern: „Von Intimität ist nur noch … übrig geblieben?“ Als ob ihr Leben dort in der Schwebe geblieben wäre, in Erwartung, den Satz zu vervollständigen.
Bald lässt sich der Sohn in die Suche hineinziehen. Jeder Widerstand ist vergeblich: Der Ruf dieses vergessenen Wortes ist zu stark, selbst für ihn. Aus den Kisten tauchen dann alte Fotoalben, Romane und kleine, beunruhigende Kakerlaken auf, die schwer zu beseitigen sind. Zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Handlung und Gedanken schwebend, versinken Mutter und Sohn in einem, wie man sagen könnte, kollektiven Unbewussten, im Versuch, die verlorenen Worte wiederzufinden.
Madri wurde bei den Premi Ubu 2025 als bestes neues italienisches Stück oder dramatisches Werk nominiert.
„Die Regie“, so Alice Sinigaglia, „beschäftigt sich mit dem Wort und damit mit dem Klang, dem flüchtigsten aller szenischen Elemente (so flüchtig wie die zarte Unsicherheit der beiden Figuren). Ob vielstimmig oder monolithisch, gespalten oder überlagert – eine tiefgreifende und komplexe Arbeit am Klang versucht, alle Ebenen der Gedankenvielschichtigkeit wiederzugeben, die der eigentliche Protagonist dieses Textes sind. Dramaturgie und Regie verschmelzen, die Regieanweisungen werden zu Dialogen, die Dialoge zu Gedanken, die Gedanken zu Monologen, und die Monologe werden von denen gehört, die sie eigentlich vortragen sollten.“